Ansprache des AOG-Präsidenten zum 1. August

Sehr geehrte Frau Gemeindeammann,
liebe Schweizerinnen und Schweizer, liebe Gäste

Herzlichen Dank für die Einladung, heute hier in der Gemeinde Untersiggenthal die 1. August-Rede zu halten. Mein Bezug zu Untersiggenthal ist ein militärischer: Der Name „Siggenthal Station“ hat mich jahrelang in meinem Dienstbüchlein begleitet als der Ort, an dem ich im Kriegsfall hätte einrücken müssen – das waren andere Zeiten…

Mit 1.August-Feiern habe ich durchaus Erfahrung und auch ich wurde im Ausland patriotischer: Ich war 2 Jahre als Militärbeobachter im Nahen Osten und wir haben am 1. August 2007 in Jerusalem im Hauptquartier der UNO-Mission eine Feier für unsere Kollegen aus allen Teilen der Welt organisiert mit 1.August-Feuer, Armbrust-Schiessen, Alphorn, Rütli-Schwur, Umzug samt einer Kopie des Bundesbriefes vom 1. August 1291.

Ich habe aber damals und auch sonst immer gesagt, dass wir in der Schweiz einen „leisen“ Patriotismus haben. Wir feiern den 1. August nicht mit Militärparaden; das wäre uns zu laut und zu pompös. Vielmehr sind wir Schweizerinnen und Schweizer am Tag der Bundesfeier gerne zuhause im Garten, laden Freunde und Familie ein und legen eine Cervelat auf den Grill. Interessanterweise gibt es ja keine offizielle Feier des Bundes oder des Kantons Aargau: Am 1. August löst sich die Eidgenossenschaft in ihre 2‘495 Gemeinden auf, um die Gründung und die Einheit der Eidgenossenschaft zu feiern.

Ich bin als Präsident der aargauischen Offiziersgesellschaft hier. Der 1. August bietet die Gelegenheit für ein paar grundsätzliche Gedanken. Solche möchte ich zu formulieren versuchen zu den Stichworten „Offizier“, „Armee“ und „Wehrpflicht“. Da ich von Hause aus Historiker bin, betrachte ich die Dinge oft aus ihrer Geschichte heraus. Unsere Gegenwart hat ja eine Vorgeschichte; sie ist auf vielfältige Weise mit der Vergangenheit verbunden und ich finde, es lohnt sich, sich darüber Rechenschaft abzulegen.

Ich erspare uns heute die Frage, ob es den Rütlischwur und den Tell tatsächlich gegeben hat. Beides gehört untrennbar zu unserer Schweiz als Gründungsmythos. Die interessantere Frage ist, seit wann und warum wir den 1. August eigentlich feiern und was das mit den Offiziersgesellschaften zu tun hat.

Die Schweizerische Offiziersgesellschaft wurde 1833 gegründet, also im turbulenten 19. Jahrhundert mit der Dynamik, die dann zur Schaffung des Bundesstaates von 1848 geführt hat. Auch die Offiziersgesellschaft hat sich dafür eingesetzt. In den zentralen Offizierskursen der Eidgenossenschaft trafen sich Offiziere über Kantonsgrenzen hinweg und viele waren beseelt von der Idee, eine moderne Schweiz zu schaffen und den Kantönligeist zu überwinden. Dies gelang 1848, nicht zuletzt als Folge der Niederlage der Innerschweiz im Sonderbundskrieg von 1847. Es gab also Sieger und Besiegte, frische Verletzungen, die nur langsam vernarbten. Damit galt es im jungen Bundesstaat, Gräben zu überwinden, die militärisch und politisch Besiegten wieder an den Tisch zu holen und zu integrieren. Dies ist die Funktion des 1. August: Man erinnerte sich an die „Wiege der Eidgenossenschaft“ – die Innerschweiz – und an den Mythos des Rütlischwurs vom 1. August 1291. In dieser Zeit wurde daraus der Gründungsmythos der Schweiz. Damit wurden die Gräben im jungen Bundesstaat von 1848 zugeschüttet.

Für mich ist der 1. August deshalb nicht nur der Tag der Erinnerung an die Gründung der Eidgenossenschaft im Mittelalter, sondern auch ein Tag der Erinnerung daran, dass Andersdenkende (im 19. Jahrhundert die katholisch-konservative Innerschweiz) integriert werden müssen und dass es in jedem Konflikt nach dem Sieg einen Mechanismus braucht, um die Besiegten wieder an den Tisch zu holen.

Die schweizerische Offiziersgesellschaft ist eng mit dieser Geschichte verknüpft. Offiziersgesellschaften haben sich damals auch dafür eingesetzt, dass bei Morgarten ein Schlachtendenkmal gebaut wurde – genau aus denselben Gründen: zur Erinnerung an die alten Eidgenossen, aber auch mit der Botschaft: seid einig, ihr jungen Eidgenossen.

Zum ersten Stichwort: Was soll denn ein Offizier sein? Die Frage habe ich immer wieder gestellt, mir selber, aber auch Menschen, die mir begegnet sind, und auch den Soldaten in dem Bataillon, das ich in den vergangenen vier Jahren kommandiert habe. Aus diesen Feedbacks lässt sich folgende Erwartung an den Offizier herausdestillieren: Der Offizier soll fordern, aber fair mit den Leuten umgehen. Er soll auch einmal „S’Föifi lo grad si“, also situativ entscheiden und nicht stur. Er soll aber vor allem entscheiden und als Person fassbar sein, auch wenn er Ecken und Kanten hat. Diese Erwartungen sind kaum anders als die Erwartungen an jeden Chef im Zivilen. Sie haben sich wahrscheinlich auch kaum verändert in den letzten Jahrzehnten.

Unverändert ist es auch innerhalb der Armee und vor allem innerhalb des Offizierskorps so, dass es zwei grundsätzlich verschiedene Ideen davon gibt, was ein Offizier sein soll – und die Offiziere kämpfen darum, welches nun die richtige sei – früher und heute.

Die einen wollen, dass sich die Offiziere von der Truppe distanzieren. Andere Uniform, schneidiges Auftreten, Befehlston. Der Soldat soll gehorchen, einfach weil er schliesslich Soldat ist. Exerzieren sei das richtige Mittel, um aus Rekruten Soldaten zu machen, die jungen Männer eben zum Soldaten zu erziehen: Gleichschritt, Achtungsstellung, früher der berühmte Gewehrgriff als Erziehungsmittel. Der spätere General Ulrich Wille, der Oberbefehlshaber der Schweizer Armee im Ersten Weltkrieg, hat seit dem Ende des 19. Jahrhunderts für diese Vorstellung gekämpft – leider mit Erfolg.

Es gab aber immer auch die andere Vorstellung: Dass der Offizier in einer Milizarmee mit der Truppe verbunden sein soll, ein offenes Ohr für ihre Sorgen haben soll, normal (also einfach anständig) mit den Leuten umgehen soll. Der Soldat soll nicht einfach gehorchen, weil er Soldat ist, sondern weil er eben Bürgersoldat ist: weil er als Bürger weiss, dass es eine Armee braucht und er persönlich darin eine Aufgabe zu erfüllen hat; der eine als Soldat, der andere als Offizier – alle als Bürgersoldaten. Im Vordergrund soll die praktische Gefechtsausbildung im Feld stehen, nicht das Exerzieren auf dem Kasernenhof. General Henri Guisan, der Oberbefehlshaber der Schweizer Armee im Zweiten Weltkrieg, hat sich für diese Vorstellung stark gemacht. Diese Ideen gab es aber bereits im 19. Jahrhundert. Ein Dienstbefehl des eidg. Militärdepartementes aus dem Jahr 1892 hat nichts von seiner Aktualität eingebüsst hat. Darin heisst es:

„Das Militärdepartement fordert die Schul- und Kurskommandanten auf, gegen Vorgesetzte, welche sich ihren Soldaten gegenüber in Wort und Tat einer Rohheit schuldig machen, mit der grössten Strenge vorzugehen. Im schweizerischen Soldaten muss auch der Schweizerbürger respektiert werden.“

Darin zeigt sich das Bild einer Milizarmee, in der sich Bürgersoldaten auf Augenhöhe mit Respekt begegnen, unabhängig davon, ob sie jetzt Soldat sind oder Offizier. Eine Milizarmee funktioniert aber stets nur mit Milizkadern: mit Bürgern, die als Unteroffiziere und Offiziere mehr leisten, als sie müssten. All diesen Kaderangehörigen möchte ich vor allem für ihre Vorbereitungsarbeiten danken, die sie vordienstlich und während des Dienstes leisten. Sie leisten mit viel Engagement gute Arbeit und das dient letztlich der Sicherheit unseres Landes.

Damit zum zweiten Stichwort: Armee; sie steckt in einer schwierigen Umbruchphase. Um das einordnen zu können, lohnt es sich, die heutige Situation mit der Situation vor dreissig Jahren zu vergleichen: 1982 war Ronald Reagan Präsident der USA, es gab eine Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken (die UdSSR), in der 1982 Juri Andropow als Nachfolger von Leonid Breschnew Generalsekretär der Kommunistischen Partei wurde. Es war die Zeit des Kalten Krieges, der innert Tagen hätte heiss werden können und auch die Gefahr barg, dass in Europa von Ost und West auch Atomwaffen eingesetzt worden wären.

In der Schweiz ging man davon aus, dass der Ostblock den Westen militärisch überfallen würde und dass die kommunistischen Armeen die schweizerische Neutralität nicht respektieren würden. Darum hatte die Schweizer Armee eine zentrale Aufgabe: „Kriegsverhinderung durch Verteidigungsbereitschaft“. Gleichzeitig hatte aber niemand ein Problem damit, wenn die Armee bei Überschwemmungen half oder internationale Treffen in Genf schützte oder dass seit 1953 in Korea eine neutrale Schweizer Überwachungskommission im Auslandeinsatz war.

Drei Aufgaben erfüllte die Armee – heute nennen wir diese drei Aufgaben Verteidigung, Unterstützung der zivilen Behörden und Friedensförderung (damals wurden teilweise andere Begriffe verwendet, aber in der Substanz sind es diese drei Aufgaben). Es war aber klar: Kernaufgabe der Armee war die „Kriegsverhinderung durch Verteidigungsbereitschaft“.

Und heute?

Die Mission in Korea ist immer noch dort, im Auslandeinsatz steht auch die Swisscoy im Kosovo. Bei Überschwemmungen oder Lawinen hilft die Armee nach wie vor den Kantonen und Gemeinden. Die Armee schützt zum Beispiel im Januar das WEF in Davos und ein Teil der Armee hält sich fit, um schlimmstenfalls das Land zu verteidigen – gerade das macht die Armee nicht mehr gleich wie vor dreissig Jahren und zwar deshalb, weil sich die sicherheitspolitische Lage geändert hat.

Die Armee erfüllt also immer noch dieselben Aufgaben Verteidigung, Unterstützung der zivilen Behörden und Friedensförderung. Sie macht das, weil wir – das Schweizer Volk – der Armee in der Bundesverfassung und im Militärgesetz diese Aufträge gegeben haben. Die Armee erfüllt diese Aufgaben aber anders als vor dreissig Jahren und das Verhältnis dieser Aufgaben untereinander ist umstritten. Aus meiner Sicht ist dies die logische Konsequenz aus der heutigen sicherheitspolitischen Lage der Schweiz. Im Kalten Krieg war es eine einfache Sache, die man auf die Formel bringen könnte: Der Feind kommt mit Panzern aus dem Osten und wir wollen die Schweiz mit allen militärischen Mitteln gegen diesen starken Feind verteidigen. Heute ist das nicht mehr so einfach. Woher kommt der Feind? – Heute: von nirgendwo; und morgen? Wenn wir das wüssten … und weil so keine der Aufgaben die absolute Priorität hat, ist es schwierig, das richtige Mass zu finden.

Ich will damit nicht jammern, sondern darauf hinweisen, dass es heute komplex ist, die richtige Balance zwischen den Armeeaufgaben gemäss Verfassung und Gesetz zu definieren, und dass dies die Folge der veränderten sicherheitspolitischen Lage ist – und weil sich diese verbessert hat, sollten wir froh sein: Froh darüber, dass wir nicht mehr in einem Pulverfass Europa leben, wie damals im Kalten Krieg, wo ein Funke genügt hätte, um ganz Europa in einem atomaren Holocaust auszulöschen.

Gewiss erleben gegenwärtig lange Debatten darüber, ob jetzt das WEF mit der Armee geschützt werden soll, und ob wir zu viel oder zu wenig Panzer haben für den Kriegsfall und ob wir ein neues Flugzeug brauchen oder nicht. Ich halte es für gut und wichtig, dass solche Fragen diskutiert werden. Schwierig ist allerdings, dass sich oft keine stabilen politischen Mehrheiten mehr finden in der Sicherheitspolitik.

Es braucht eine vernünftige, sachorientierte Sicherheitspolitik. Dafür setzt sich die aargauische Offiziersgesellschaft ein. Sie ist die drittgrösste Offiziersgesellschaft der Schweiz und setzt sich aus den sieben Lokalsektionen Zofingen, Aarau, Fricktal, Lenzburg, Freiamt, Brugg und Baden zusammen. Für mich ist die Offiziersgesellschaft die Gewerkschaft der Milizarmee im Allgemeinen und der Milizoffiziere im Speziellen. Deshalb bin ich heute übrigens auch in zivil hier. Ich vertrete die aargauische Offiziersgesellschaft und nicht die Armee. Als Gewerkschafter bin ich mit der Firmenleitung ja nicht immer gleicher Meinung.

Als „Gewerkschafter der Milizarmee“ möchte ich mit einem politischen Gedanken schliessen: Wehrpflicht ist das dritte und letzte Stichwort. In einem Jahr werden wir mitten im Abstimmungskampf über die Volksinitiative „Ja zur Aufhebung der Wehrpflicht“ stecken, die von der „Gruppe für eine Schweiz ohne Armee“ (GSoA) eingereicht worden ist. Die aargauische Offiziersgesellschaft wird sich für ein Nein zu dieser Initiative stark machen.

Worum geht es? Militärdienst und Zivildienst soll für Männer und Frauen freiwillig sein. Dies ist eine schöne Idee, sie hat jedoch einen Preis: die Abschaffung der Wehrpflicht. Gestatten Sie mir ganz kurz drei Punkte, warum ich finde, dass wir diese Initiative ablehnen sollen:

Erstens rollt die Initiative eine Diskussion um die Armeegrösse auf, die wir eben abgeschlossen haben. Die Initiative würde zu einer kleineren Armee führen; das wollen die Initianten gemäss ihrem Argumentarium so. Bundesrat und Parlament haben sich erst kürzlich nach längeren Diskussionen darauf geeignet, dass 100‘000 Armeeangehörige der Bestand ist, der sicherheitspolitisch erforderlich ist. Wir können uns durchaus noch einmal darüber unterhalten, wie gross die Armee sein soll. Eine solche Diskussion soll aber auf der Basis einer Analyse der Bedrohungen und der Aufgaben der Armee geführt werden – und nicht auf der Basis der Frage „Wehrpflicht ja oder nein“.

Zweitens: Eine Armee mit Wehrpflicht entspricht der sicherheitspolitischen Lage. Die Armee ist das Mittel für Extremsituationen, in der auch viel Personal benötigt wird. Sie ist die einzige Sicherheitsreserve, die wir haben, wenn die Blaulichtorganisationen eine Situation nicht mehr bewältigen können. Polizei, Feuerwehr und Sanitätsdienst sind hervorragend aufgestellt, um all die Situationen zu bewältigen, die der Alltag mit sich bringt. Sie können bei Extremereignissen innert weniger Tage an den Anschlag kommen. Wer kann dann noch helfen? Nur noch die Armee, die deshalb genügend Leute braucht. Diese braucht sie nicht ständig: sie bildet viele aus, schickt sie dann nach Hause und bietet sie erst wieder auf, wenn sie sie für einen Einsatz oder einen Refresher (genannt Widerholungskurs) benötigt. Die Armee ist die kostengünstige Sicherheitsreserve, die wir brauchen in diesem Land – und dazu braucht es die Wehrpflicht.

Drittens ist es eigentlich Etikettenschwindel. Freiwillig könnte ja höchstens der Beitritt zur Armee oder zum Zivildienst sein. Wenn die Armee funktionieren soll und Leistungen erbringen soll, dann kann man ja nicht einfach darauf vertrauen, dass dann gerade genügend Soldaten Lust haben, ins Militär zu gehen. Die Initiative möchte ja Männer und Frauen freiwillig in der Armee. Hand aufs Herz: Wären Sie im Alter von 20 freiwillig in die Armee? Ich muss Ihnen gestehen, ich wäre 1987 sicher nicht in die Armee, wenn ich nicht hätte müssen. Rückblickend schätze ich die Erfahrungen sehr, die ich gemacht habe, aber mit 20 will man Karriere im Beruf machen, studieren, Zeit mit der Freundin verbringen usw.

Mit dem Militärdienst ist es letztlich wie mit dem Steuern zahlen: Man sieht den Sinn, aber möchte lieber nichts damit zu tun haben, wenn man wählen könnte. Wehrpflicht ist Bürgerpflicht. Eine Bürgerpflicht, die wir zur Sicherheit unseres Landes brauchen, damit wir eine funktionierende moderne Armee haben, die ihre drei Aufgaben Verteidigung, Unterstützung der zivilen Behörden und Friedensförderung zeitgemäss wahrnehmen kann.

Das ist ein Beitrag zu unserem Gemeinwesen Schweiz, das wir heute am 1. August ja feiern. Wir wollen den 1. August feiern als einen Tag der Erinnerung an die alten und jungen Eidgenossen und dabei bedenken, dass es immer auch ein Tag der Integration Andersdenkender war. Das gehört zum Erfolgsrezept Schweiz. Dazu braucht es immer auch Menschen, die sich dafür engagieren, in Politik, aber auch in der Armee.

Damit möchte ich schliessen. Ich bedanke mich fürs Zuhören und wünsche uns allen noch eine schöne Bundesfeier!

Oberstleutnant im Generalstab Dieter Wicki,
Präsident der aargauischen Offiziersgesellschaft, Aarau

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